Quelle: eKapija | Dienstag, 30.10.2018.| 15:50
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Lazar Dzamic, Experte für digitales Marketing - Kreative Industrien kurbeln die ganze Wirtschaft an

Lazar Dzamic

Kreative Industrien sind Multiplikator für alles, was in anderen Branchen passiert, und sie können Effizienz, Rentabilität und Wettbewerbsfähigkeit unserer gesamten Wirtschaft, sowohl intern, als auch international drastisch verbessern. Eine andere wichtige Sache ist, dass diese Industrien viel schneller als die traditionellen wachsen. Nach Angaben der Weltbank wachsen Unternehmen aus der Kreativwirtschaft mindestens doppelt so schnell wie andere Branchen, was bestätigt, dass sie einer der dynamischsten Sektoren im Allgemeinen sind. Drittens: In Serbien ist dieser Sektor derzeit der wichtigste und größte Exporteur neben der Landwirtschaft.

So beschreibt Lazar Dzamic, einer der führenden digitalen Strategen weltweit, ehmaliger Leiter der Markenplanung in der Europazentrale von Google und Professor für digitales Marketing an der Fakultät für Medien und Kommunikation, die Bedeutung und das Potenzial der Kreativindustrien.

In einem Interview mit dem Portal eKapija spricht er über das digitale Ökosystem Serbiens, kündigt neue Aktivitäten und Projekte des Rats für Kreativwirtschaft und erklärt, welchen ethischen Herausforderungen Geschäftsleute in Serbien und weltweit gegenüber stehen.

Unser Gast betont, dass man sich heute keine Aktivität vorstellen kann, die von kreativen Industrien und kreativen Fähigkeiten nicht beeinflusst werden, und unterstreicht, dass "digital" in der Welt nicht mehr als Ausdruck verwendet wird:
- Man sagt - wir leben in einer "postdigitalen Welt", weil heute alles digital geworden ist. Wir verwenden also nicht mehr das "e" in Wort und Schrift, das entwickelt wurde, um einige der Konzepte zu erklären - E-Business, E-Commerce ... Alles ist heutzutage "e", bzw. elektronisch, der Buchstabe ist fast völlig verschwunden außer bei E-stland (er lacht).
eKapija: In Belgrad findet am 29. Oktober die Konferenz "Digital, Life, Design" (DLD), eine der weltweit führenden, die sich mit den Auswirkungen digitaler Technologien auf alle Lebensbereiche befassen. Was können wir von dieser Veranstaltung erwarten und was ist Thema Ihrer Podiumdiskussion?

- DLD ist eine Art "digitales Davos", das die Größte unter den Größten zusammenbringt, um verschiedene Aspekte des digitalen Lebens zu besprechen. The Economist hat diese Veranstaltung als eine der zwei wichtigsten innovativen Konferenzen europaweit eingestuft. DLD-Salon ist eine kleinere Version der Konferenz, die sie in anere Länder "ausführen". Zum ersten Mal wird in Mittel- und Osteuropa und auf dem Balkan ein solches Treffen veranstaltet. Es handelt sich deshalb auch um eine Art Anerkennung für Serbien in Bezug auf den Aufwand, der in die Entwicklung des digitalen Bereichs investiert wird.

Der Arbeitstitel der Podiumdiskussion, die ich beim DLD-Salon moderieren werde, lautet: "Digitales Serbien - Vision versus Realität". Einige einheimische digitale Geschäftsleute und Experten sollen daran teilnehmen und wir werden versuchen, die Frage zu beantworten, wo das serbische digitale Ökosystem derzeit ist, was ist die Vision seiner Entwicklung und wo man sich noch mehr anstrengen soll. Von einer deutschen Professorin werden wir hören, wie das Know-how der Wirtschaft die akademische Sphäre beeinflusst, weil wir dies vermissen. Wir brauchen eine Art umgekehrten Wissenstransfer, denn aufgrund der unzureichenden staatlichen Investitionen, aber auch aufgrund mancher anderer persönlicher Barrieren, ist nahezu das gesamte digitale Fachwissen in der Praxis vorhanden.
eKapija: Wie finden Sie das serbische digitale Ökosystem derzeit? Was sind die wichtigsten Herausforderungen auf dem Weg der weiteren Entwicklung und was können wir in diesem Bereich vom im März dieses Jahres gegründeten Rat für kreative Industrien erwarten?

- Eine der Hauptaufgaben des Rats - seine sozusagen "Metaaufgabe" - ist, bestimmte "Engpässe" für die weitere Entwicklung des Digitalen zu beheben. Ich muss betonen, dass der Rat kein politisches Gremium ist, seine Mitglieder sind Experten in ihren Bereichen, und er handelt sich keinesfalls um einen Rat der Regierung Serbiens. Die Premierministerin hat uns persönlich gebeten, uns dem Rat anzuschließen. Wir denken einfach, dass sie gute Absichten hat und dass sie diesen Raum gut versteht, und wir wollen ihr helfen. Oder, wie einer meiner Freunde gesagt hat, "wir können versuchen, etwas zu tun, oder nichts, und wir haben nichts bereits probiert".
Der Rat hat bereits begonnen, Ideen und Informationen über Mängel, Hindernisse und Herausforderungen in verschiedenen Bereichen der Kreativwirtschaft zu sammeln und wir haben auf dieser Basis spezialisierte Arbeitsgruppen gebildet. Es gibt eine Arbeitsgruppe für darstellende Künste, die sich, unter anderem, mit dem völlig ungeregelten Status freier Künstler befasst, während sich andere Gruppen mit dem Problem der langfristigen Finanzierung der wichtigsten Kulturveranstaltungen im Land wie z.B. BITEF, Jazzfestival, Nisvill, Exit u.a. beschäftigen.
eKapija: Was sind Ihre Hauptaktivitäten im Rat?
- Ich bin persönlich sehr an Bildung interessiert, dh an der Art und Weise, wie die Regeln für die Akkreditierung neuer akademischer Bildungsgänge geändert werden können, um die Ausbildung für neue Berufe in der Kreativwirtschaft zu ermöglichen. Derzeit fehlen uns in der offiziellen Nomenklatur 200 bis 300 Berufe, die in den Industrieländern ganz normal sind. Ein guter Beispiel dafür sind UX-Designer, ohne die es keine Schnittstelle, Development, Anwendung oder Website geben würde. Außerdem unterrichte ich an der Fakultät für Medien und Kommunikation (FMK) an der Abteilung für digitales Marketing, und unsere Absolventen bekommen Diplome, in denen sie nicht als "Digital Marketing Manager" oder "Digital Marketing Specialist" bezeichnet werden, sondern als Kommunikologe!. Nur diese Berufsbezeichnung wird von der offiziellen Nomenklatur erkannt, obwohl die Industrie keien Kommunikologe, sondern Manager für digitales Marketing, Manager für soziale Medien, Community-Manger, SEO-Spezialisten, AdWords-Spezialisten, Content-Manger sucht! Solche Berufe lassen sich derzeit noch nicht akkreditieren. Unser System ist sehr veraltet und unendlich langsam, die Nomenklatur wird jede 10 Jahre verändert, und heutzutage erscheinen jeden Monate 10 neue Berufe.

Das Problem ist, dass die Akkreditierungskommission, die jetzt zu einer Akkreditierungsagentur umbenannt wurde, nichts mit der Kreativwirtschaft zu tun hat. Es bleibt abzuwarten, wie die neue Agentur funktionieren wird, und eine der Voraussetzungen für den Erfolg ist, dass mindestens ein Drittel der Mitglieder aus der Kreativwirtschaft kommen wird.
eKapija: Wie ist das Potenzial Serbiens, wenn es um die Kreativwirtschaft geht? Stellt sie wirklich unsere historische Entwicklungschance dar?
- Serbien hat großes Potenzial in diesem Bereich, wir könnten sehr viel tun und viele Erfahrungen anwenden. Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass kreative Industrien nie im Hintergrund stehen, ganz im Gegenteil! Wenn sie einen Aufschwung erleben, kurbeln sie die ganze Wirtschaft an!

Heute lässt sich nichts ohne Einfluss von Kreativwirtschaft und kreativen Fähigkeiten vorstellen. Sie benötigen bessere Softwares für ihre Masinen? Die Kreativwirtschaft bietet Ihnen dies! Sie benötigen Mittel, um die Effizienz des ganzen Gesundheitswesens zu verbessern? Die kreative Technologie könnte Ihnen dabei und zu einem relativ niedrigeren preis helfen. Die Möglichkeiten für die Anwendung in der Elektrizitätswirtschaft, Transport usw. sind enorm. Z.B. in einem der wichtigsten Wirtschaftssektoren bei uns - Landwirtschaft. Wir führen derzeit meistens Rohstoffe aus und haben keine einzige Marke, die auf dem internationalen Markt wettbewerbsfähig ist. Die kreative Industrie könnte dabei helfen und Himbeeren, die für 1 Euro pro Kilo verkauft werden, in eine begehrte Marke für 10 Euro pro Kilogramm verwandeln.

eKapija: Der Rat für Kreativwirtschaft hat die Bildung der Plattform "Serbia Creates" initiiert, die seine Aktivitäten regelmässig ankündigen und präsentieren und zugleich um die kreative Gegenwart und Zukunft Serbiens in der Welt werben.

- Eines der Projekte, die vom Rat für Kreativwirtschaft ausgegangen ist, ist die Plattform "Serbia Creates". Sie hat einige Ziele, und eines der wichtigsten ist, die Welt zumindest auf einen Teil der gegenwärtigen serbischen Kreativität aufmerksam zu machen. Die Idee ist, dass diese Plattform verschiedene Anstrengungen, dh die Arbeit des Rates, vereint und Fallstudien präsentiert, wie auch, was der Rat derzeit als Projekte durchführt. Wir wollen auch eine Website in Betrieb nehmen, die an einem Ort am Anfang 20 bekannte Namen aus Serbien, angesehene Experten in der Kreativwirtschaft - Ashen Ataljanc, eine Figur aus dem Computerspiel von Nordeus, berühmte Wissenschaftler und Forscher, Roboter Lala und Sosa des Biosens-Instituts, den Geiger Stefan Milenkovic u.a. zusammenbringen.

Eine Reihe von Plakaten mit ihrem Bild und einer Kurzgeschichte von ihrem Leben und ihrer Arbeit gemacht werden. Parallel dazu wollen wir Institutionen präsentieren, die mit diesem Bereich verbunden sind. Z.B. gemeinsam mit Stefan Milenkovic wollen wir das Nationaltheater, die Oper, Belgrader Arena, Exit Festival, Kolarac präsentieren, um alle, die das Poster ansehen, mit einem breiteren Kontext bekannt zu machen. Solche Poster sollen in den Botschaften und anderen diplomatischen Vertretungen Serbiens gehängt werden, wo man derzeit nichts aus der Gegenwart, sondern meistens unsere mittelalterliche Klöster, Pflaumen und Volkstrachten sehen kann. Sie können fast nichts von unserer Gegenwart erfahren, obwohl wir darauf nur stolz sein können, ausgehend von den Produkten der Kreativwirtschaft bzw. Kultur, Wissenschaft usw. Es ist deshalb sehr wichtig, auf dieser Website und auf Postern unsere Menschen darzustellen, die im mittleren Alter, aktiv, mit internationalen Karrieren sind. Sie stellen die kreative Gegenwart und die Zukunft Serbiens dar!

eKapija: Wie haben Sie als ein angesehener und anerkannter Experte in Ihrem Bereich und ihre Aktivitäten im In- und Ausland zur Erkennbarkeit der serbischen Kreativwirtschaft beigetragen?
- Ich hoffe aufrichtig, dass ich dazu beigetragen habe. Ich hoffe, dass meine Erfahrungen aus der Kreativwirtschaft nützlich sind, sowie meine Verbindungen zur Welt, zu bedeutenden Persönlichkeiten, aber auch Prinzipien, die ich einhalte. Die Reputation trägt wahrscheinlich dazu bei, dass die Welt weiß, dass es hier in Serbien jemanden gibt, der jemanden "da" kennt und ihnen etwas beibringen kann. Es ist ein kleiner Beitrag, denn all diese Dinge schaffen "Soft Power" und zumindest ein wenig Einfluss auf das Wahrnehmung ausüben.

eKapija: In den Interviews, die Sie nach Ihrem Rückzug aus Google gegeben haben, haben Sie ethische Dilemmas als Grund genannt, einen der begehrtesten Arbeitgeber der Welt zu verlassen, oder Herausforderungen, die Sie nicht einfach überwinden konnten. Inwieweit kümmern sich Geschäftsleute in Serbien um die Ethik im Geschäftsleben?

Das ist ein großes globales Problem, nicht nur bei uns, und die Situation ist ziemlich schlecht, weil wir einfach das Paradigma des neoliberalen Kapitalismus eingeschlagen haben, wo der Profit das einzige Maß für alles ist! Sehr wenige Unternehmen denken darüber nach, und im Allgemeinen wird Ethik durch einige formelle Mittel der sozialen Verantwortung von Unternehmen "respektiert". Es handelt sich nur um ein kleines Wundpflaster auf dem Gewissen des Unternehmens. Wenn man sich den Zivilisationseffekt anschaut, den viele große Firmen auf dem Planeten und auf uns allen haben, ist das, was sie tun, im Verhältnis zu dem Schaden, den sie oft machen, unendlich klein. Eine meiner persönlichen Missionen ist es, darüber zu sprechen, und ich werde Ende dieses Jahres meinen Weltblog auf Englisch herausbringen, genannt Mitocrates, der sich mit diesem Thema befassen wird.


Marko Andrejić
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