Quelle: eKapija | Montag, 03.11.2008.| 19:20
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Slobodan Švrakić, Notarzt und Direktor der Klinik für Drogensüchtige "Naltrex Zone" – Lange, aber erfolgreiche Behandlung von Süchtigen

Slobodan Švrakić

Drogenabhängigkeit ist ein Zustand psychischer und gegebenenfalls physischer (körperlicher) Abhängigkeit von einer Substanz oder mehreren Substanzen mit zentral-nervöser Wirkung, die zeitweise oder fortgesetzt eingenommen wird/werden. Zu den gefährlichsten gehören Heroin, Methadon und Alkohol. Es gibt 80.000 registrierte Drogensüchtige in Serbien. Es handelt sich um jene, die Hilfe gesucht haben. Die Anzahl der Süchtigen ist aber sicher weitaus größer, nicht nur in Serbien, sondern in der ganzen Region - erklärte Slobodan Švrakić, Notfallarzt mit einer 27-jährigen Erfahrung mit der Behandlung von Suchtkranken und mit der Bekämpfung des großen gesellschaftlichen Problems, in einem Interview für das Wirtschaftsportal "eKapija".

Warum einige Menschen zu diesen Suchtmitteln greifen ist letztlich noch nicht völlig geklärt. Wesentlich scheint allerdings die, durch die Droge erhoffte Stimmungsänderung zu sein, die mit der Einnahme hervorgerufen wird. Manche Drogen erzeugen Euphorie und Glücksgefühle, andere beruhigen, dämpfen die Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit. Wiederum andere aktivieren, putschen auf und steigern die Erregung. Eine weitere Gruppe verändert das Denken und die Sinneswahrnehmung. Die Drogenwirkung hängt aber nicht allein vom jeweiligen Stoff ab. Die Dauer und Art der Einnahme, die Dosis aber auch aktuelle Stimmungen und Gefühlslagen nehmen Einfluss auf die jeweilige Wirkung. Weiterhin gilt, dass nicht alle Suchtmittel körperliche und psychische Abhängigkeit gleichermaßen erzeugen. Eine Droge, die "nur" psychisch abhängig macht, ist deshalb nicht harmlos.

Slobodan Švrakić ist der Generalmanager der Klinik für Drogensüchtige "Naltrex Zone", die am 19. Oktober in der Straße Geršićeva 14a in Belgrad eröffnet wurde. In der Klinik sollen die neuesten Methoden zur Behandlung der Heroin-, Methadon-, Zigaretten-, Alkohol-, Nahrungs- und Tablettensuchtigen angewandt werden.

- Die Sucht bzw. krankhafte Abhängigkeit von einem Genuss- oder Rauschmittel stellt ein komplexes Problem dar, das von verschiedenen Fachleuten behandelt werden soll. Wir bildeten deshalb ein Expertenteam, spezialisiert auf dieses Bereich, mit dem wir diese seriöse Krankheit bekämpfen wollen.

Slobodan Švrakić teilte mit, dass sein Bruder, Prof. Dr. Dragan Švrakić, an diesem Projekt teilnimmt. Als Mitglied der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste (SANU), Psychiater und Professor an der Universität "Washington" in Saint Louis, verfügt er über die langjährige Erfahrung in der Behandlung der Süchtigen und kennt sich mit modernsten, in den USA angewandten Behandlungsmethoden aus.

Euphorie, Abhängigkeit und Abstinenz

Dragan und Slobodan Švrakić

Verschiedene Reize aus der Umgebung lösen die Ausschüttung von Endorphine, des sogenannten "Glückhormons", aus. Dieses Glückgefühl können jeden Tag erleben, wenn wir Sonnenuntergang beobachten, ein Tor schießen, Blumen bekommen oder einen guten Witz hören. Der Hormonspiegel ist auf dem gleichen Niveau in normalen situationen. Chemisch gesehen handelt es sich um kurze Neuropeptide, die an Opioidreyeptoren binden. Heroin bzw. die aktiven Heroin-Metaboliten üben ihre Wirkungen via Interaktion mit spezifischen Rezeptoren (Endorphin- bzw. Opioidrezeptoren) aus. Heroin löst aber eine enorme Ausschüttung von Endorphine, was zunächst als absolute Seligkeit gespürt wird. Der normale Hormonspiegel ist gestört. Die Krise entsteht, wenn der Gehalt des Blutes an diesem Hormon auf das Minimum sinkt.

- Als wenn Sie einen Brunnen mit einem bestimmten Wasserspiegel haben. Bleibt der Wasserverbrauch in normalen Grenzen, füllt sich der Brunnen von sich selbst. Zapft man von Tag zu Tag immer mehr Wasser, kann der Brunnen ausgeschöpft werden. Das passiert mit Drogensüchtigen – entweder hat er nicht genug Wasser oder ist ganz ausgetrocknet

Dan entsteht die Krise, weil er den Rest des "Glückhormons" nur durch Einnahme von Drogen nutzen kann.

- Die Krise entsteht, wenn alle Vorräte am "Glückshormon" ausgeschöpft sind. Der Süchtige bekommt einen heftigen Krampf im Bauch, hat Muskelschmerz, fühlt Schwachheit. Nimmt er erneut Heroin ein, löst das den Rest seiner Hormonvorräte aus. Sie ahnen überhaupt nicht, wie schnell man physisch abhängig wird und wie schwer der Entzug und die Entgiftung des Körpers sind. Sie sind hilflos, wenn es um Heroin geht.

Entzug und Entwöhnung – ein langer, aber erfolgreicher Prozess

- Ein Süchtiger muss aus eigener Überzeugung in die Therapie gehen, dann ist die Aussicht auf Erfolg am Größten. Dem Suchtkranken werden alle Suchtmittel entzogen, es setzen Entzugserscheinungen ein, die teilweise mit starken körperlichen und seelischen Missempfindungen verbunden sind. Bei Absetzen des Suchtmittels Auftreten von körperlichen Abstinenzsymptomen. Diese sind meist Schmerzzustände aber auch vegetative Symptome wie Zittern, Frieren, Schweißausbrüche, Durchfall, Erbrechen, Übelkeit, Schwindel und Abgeschlagenheit. Diese können medikamentös gelindert werden.

Unter der Entgiftung, die einige Tage dauert, verstehen wir die pharmazeutische Behandlung der Entzugssymptome. Patiente bekommen Medikamente, Vitamine und Mineralien intravenös, um ihren Körper von Giften zu befreien. Schon während der Entgiftug bereiten wir den Süchtigen auf die folgende, beträchltich längere Phase – Entwöhnung durch Psychoterapie – vorbereitet.

Nach der erfolgreichen Entgiftung fühlt sich der Süchtige, als man ihn aus einem Traum erwachen hat, erklärte Dr. Švrakić.

- In Hinsicht darauf, dass es meistens um langjährige Süchtige geht, überrascht nicht, dass ihre Realitätswahrnehmung häufig dem tatsächlichen Sachverhalt nicht entspricht – betont Švrakić.

Nach der Entgiftung werden die Patienten in dieser Klinik mit dem Medikament "Nalterex" behandelt.

- Die Klinik "Naltrex Zone" arbeitet mit dem gleichnamigen Krankenhaus in New Jersey (gegründet vom Dr. Lance Grubermann, der die bei der Behandlung von Heroin- und Methadonabhängigkeit genutzte Depotblocker entdeckt hat) eng zusammen. Das Medikament kann in Tablettenform eingenommen oder eingespritzt werden. Es verbindet sich mit bestimmten Rezeptoren im Gehirn und blockiert die angenehmen Effekten des Drogenkonsums. Solange das Medikament im Stoffwechsel bleibt, haben Patienten keine Lust auf Heroin - erklärte Švrakić und fügt hinzu, dass man auf diese Weise ein wenig "Zeit kauft".

Die beste Anwendungsmethode sind die sogenannte Depotblocker mit dreimonatigen Effekt.

Das Problem entsteht, wenn das Medikament nicht mehr wirkt und man den alten "Durst" bekommt. Es nur die Frage der Zeit, wenn man Heroin wieder einnimmt. Vor dem Heroin sind Süchtige ganz hilflos.

Die therapeutische Gruppen- und Einzelbehandlung ist deshalb von großer Bedeutung. Unsere Patienten wereden nach der Entgiftung zweimal wochentlich therapeutisch behandelt. Therapeuten versuchen gemeinsam mit dem Patienten, die Ursachen und Persönlichkeitsfaktoren, die zu dem Suchtverhalten führten, zu finden und zu bearbeiten. Der Betroffene soll lernen, Alltagsprobleme und evtl. zugrundeliegende seelische Störungen so zu bewältigen, dass ihm ein Ausweichen auf Suchtmittel nicht mehr nötig erscheint.

Es ist wie beim Autorennen. Der Fahrer steuert das Rennauto mit hilfe der Navigationsvorrichtung. Therapeuten sind Navigatoren bei der Rückkehr in den praktischen Lebensaltag. Jeder von uns kann sein Leben selbstständig steuern, benötigt aber manchmal Hilfe zur Auswahl und Einhaltung des gewählten Kurses. Der Drogensüchtige kann fahren, weiß aber nicht wohin – erklärt Švrakić.

Das Gehirn braucht 8 – 10 Monaten für die physiologische Erholung und dann beginnt der tägliche Kampf um die Rückkehr in den Lebensalltag mit seinen Verpflichtungen und Problemen. Die Unterstützung des Psychiaters ist unausweichlich dabei.

Die Behandlung der Süchten ist nicht einfach. Der Weg ist viel länger, anstrengender und steiler, die Genesung ist aber gewiss.

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